Kriegsszenario in der Welt
Juli 20, 2008
In der Welt schreibt Benny Morris, dass “ein israelischer Angriff unausweichlich wird”, wenn der Iran im Streit um sein Atomprogramm nicht einlenkt. Er sieht nur noch ein Zeitfenster für eine diplomatische Lösung bis zum Herbst. Sollte es zu einem militärischen Angriff kommen, sei ein Atomkrieg nicht unwahrscheinlich. Im folgenden möchte ich mich mit seinem Artikel einwenig näher befassen.
“Denn jeder Geheimdienst auf der Welt geht davon aus, dass Irans Atomprogramm die Herstellung von Waffen und nicht die friedliche Nutzung der Kernkraft zum Ziel hat.”
Mit dieser Aussage hat Morris vermutlich recht. Es gibt viele Ungereimtheiten in der iranischen Darstellung des Atomprogramms. Teheran schafft es nicht, die vielen Fragen und Zweifel des Westens aus der Welt zu räumen. Aber Fakt ist, dass die Öffentlichkeit bisher keinen Beweis für die Existenz eines iranischen Atomwaffenprogramms von den Geheimdiensten bekommen hat. Die Anlagen, die der Iran zur Urananreicherung nutzt (und um die in dem Streit in erster Linie geht), gibt es auch in vielen anderen Ländern, u.a. auch in Gronau (Westf.), Deutschland. Die Existenz dieser Anlagen ist kein Beweis für die Produktion von Atomwaffen, auch wenn angereichertes Uran für die Atomwaffenproduktion benötigt wird.
“Trotz des Geredes über ein weiterführendes Wirtschaftsembargo wissen alle, dass Sanktionen bisher nichts gebracht haben und dass eine zusätzliche Verschärfung unwahrscheinlich ist.”
Die Sanktionen haben zum Teil nichts gebracht, weil sie nur unmotiviert und schlampig umgesetzt wurden. Vor wenigen Tagen schrieb ich an dieser Stelle, dass die US-Exporte in den Iran sich unter der Regentschaft von George W. Bush verzehnfacht haben. Siehe: USA-Exporte in den Iran haben sich verzehnfacht. Wer wundert sich dann, dass die Sanktionen nichts gebracht haben?
“Das lässt der Welt nur eine Option, will sie einen atomar bewaffneten Iran verhindern: die militärische.”
Das sehe ich anders. Noch ist es nicht zu spät, zu einer friedlichen Lösung zu kommen. Der Iran kann aus technischen Gründen noch keine Atomwaffen haben, selbst wenn er aktuell danach strebt. Es bleibt also noch Zeit für Verhandlungen und die sollte man auch nutzen. Außerdem bezweifle ich, dass ein Militärschlag wirklich etwas bringen wird. Angeblich hat selbst das US-Verteidigungsministerium dem Mossad und der CIA vorgeworfen, nicht genügend Informationen über die Standorte des Atomprogramms zu haben. Viele Atomanlagen im Iran liegen zu dem unter der Erde. Das bedeutet, dass die USA und Israel vermutlich nicht das gesamte Atomprogramm vernichten können. Und damit stellt sich dann die Frage, was so eine militärische Aktion soll. Denn die Folge eines Angriffs auf den Iran wird sein, dass das Atomprogramm zurückgeworfen wird, aber nicht erledigt ist. Auch die letzten Zweifler in der iranischen Öffentlichkeit werden nach so einem Angriff von der Notwendigkeit eigener Atomwaffen überzeugt sein, d.h. dass der Iran vermutlich mit noch größerer Anstrengung das Atomprogramm wieder aufnehmen würde. Und da schließt sich dann der Kreis.
“Da Israel glaubt, dass seine schiere Existenz auf dem Spiel steht, wird es den Angriff wagen. Schließlich drohen die Führer Irans fast täglich mit der Vernichtung des jüdischen Staats.”
Da könnte Morris Recht haben. Ich denke auch, dass der Iran keine Atomwaffen haben sollte und ich verstehe die Angst der Israelis vor einer iranischen Atombombe. Allerdings ist dies für mich ein weiterer Grund, auf eine diplomatische Lösung zu hoffen. Denn auch durch eine militärische Konfrontation mit dem Iran wird es nicht gelingen, dauerhaft Sicherheit für Israel zu gewinnen. Dies geht nur, wenn man den Iran davon überzeugt, dass ihm der Besitz Atomwaffen schadet und ihm von amerikanischer und israelischer Seite keine Gefahr droht und er Folge dessen auf Atomwaffen verzichten kann.
Später im Artikel gibt Morris meine genannten Gegenargumente durchaus zu und kommt zu dem Schluss:
“Das alles bedeutet, dass Israels Politiker die Wahl haben zwischen Pest und Cholera: Entweder sie erlauben den Iranern, in den Besitz der Bombe zu kommen, und hoffen das Beste (nämlich auf ein atomares Patt, bei dem die garantierte gegenseitige Zerstörung die Iraner davon abhält, die Bombe tatsächlich einzusetzen), oder sie greifen an und beantworten die iranischen Gegenschläge, die den Einsatz chemischer und biologischer Sprengköpfe enthalten könnten, mit der Eskalation des Konflikts.”
Zugegeben, diese Perspektive dürfte den absolute Super-GAU für den Nahen Osten darstellen. Was ich an Morris Artikel in erster Linie kritisiere ist, dass er eine militärische Lösung dieser Krise für möglich hält. Das ist meiner Meinung nach unlogisch und falsch. Es gibt in diesem Konflikt keine militärische Lösung. Der Iran, die UN-Vetoländer USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien, sowie Deutschland müssen eine friedliche Lösung für den Konflikt finden. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel!
Entry Filed under: Israel, Kriegsvorbereitungen, USA, Verlautbarungen/Äußerungen/Kommentare. Schlagworte: Atomprogramm, Iran, Israel, Politik, USA, Welt, Zeitung.
2 Comments Add your own
Leave a Comment
Some HTML allowed:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Trackback this post | Subscribe to the comments via RSS Feed
1. multiverus | Juli 21, 2008 at 11:55
Im Grossen und Ganzen stimme ich Ihrer Betrachtung ja zu. Nur bei Ihrer Schlussfolgerung ist leider der Wunsch Vater Ihrer Gedanken:
“Was ich an Morris Artikel in erster Linie kritisiere ist, dass er eine militärische Lösung dieser Krise für möglich hält. … Es gibt in diesem Konflikt keine militärische Lösung.”
Leider haben Sie aus der (europäischen) Geschichte nichts gelernt! Eine militärische Lösung für unvorstellbar zu halten, führt nur zu konfrontativen Leichtsinnigkeiten, welche die Kriegsgefahr verschärfen.
Den kalten Krieg in Europa friedlich und ohne Blutvergiessen zu beenden, gelang nur deshalb, weil man sich auf beiden Seiten der realen Gefahr eines totalen Atomkriegs bewusst war. Und nicht deshalb, weil die politisch Verantwortlichen dies für unmöglich erklärten. Entspannungspolitik hat nur vor dem Hintergrund des drohenden atomaren Holocaust funktioniert!
Die bestmögliche Grundlage für eine friedliche Lösung des Konflikts Israel / Iran ist es, wenn auf beiden Seiten das Bewusstsein für die akute Gefahr einer atomaren Auseinandersetzung – und Ihren katastrophalen Folgen für das jeweilige Land – heranreift. Erst dann sind sie bereit für eine nachhaltig friedliche Lösung.
-> Nur wer sich der Gefahr eines vernichtenden Krieges bewusst ist, ist reif für den Frieden! Sämtliche UN-Sanktionen sind vor diesem Hintergrund nichts als Hinhaltetaktik.
2. iranobserver | Juli 22, 2008 at 9:30
Vielen Dank für den interessanten Kommentar. Wenn ich Sie richtig verstanden haben, dann beziehen Sie sich jedoch auf etwas anderes als ich. Ich habe in diesem Beitrag mich mit dem Satz “Es gibt in diesem Konflikt keine militärische Lösung” nicht auf die diplomatischen Bemühungen bezogen, sondern ganz konkret auf den Kriegsfall. Mir ist schon klar, dass man den Druck auf den Iran erhöhen muss (wie genau, da kann man unterschiedlicher Auffassung sein).
Mit meiner Aussage habe ich mich ganz konkret auf den Kriegsfall bezogen, der in meinen Augen keine Verbesserung für die Stabilität des Nahen Ostens darstellt.
Bestimmt werden Sie mir zustimmen, dass auch eine militärische Lösung im Kalten Krieg nicht sinnvoll gewesen wäre.