Wie wahrscheinlich ist ein Krieg?
September 14, 2008
In der letzten Zeit ist es etwas ruhiger geworden im Streit um das iranische Atomprogramm. Es wurde verhandelt und nicht mehr so viel gedroht. Doch wenn voraussichtlich morgen der Bericht der IAEO über das iranische Atomprogramm vorgelegt wird, wird die Debatte wie eh und je weiter gehen. Der Iran wird mal wieder nicht alles gesagt haben, die Frage, ob der Iran nach Atomwaffen strebt, wird weiterhin unbeantwortet bleiben und Kommentatoren aus dem Westen werden wie immer vor den Risiken einer Verschärfung des Konfliktes warnen. Aber letztlich ändern wird sich vermutlich nichts. Wie wahrscheinlich ist denn nun eigentlich der viel beschworene mögliche Krieg gegen den Iran?
Fangen wir mit den Gründen an, die FÜR eine Verschärfung des Konfliktes hin zu einer militärischen Konfrontation sprechen.
- Israels Sicherheit: Israel würde niemals eine iranische Atombombe dulden, denn diese würde eine existenzielle Gefahr darstellen. Man kann davon ausgehen, dass Israel notfalls auch militärisch eingreifen würde.
- Interessen der USA in der Region: Die USA verfolgen vielfältige Interessen im Nahen und Mittleren Osten. Die beiden wichtigsten dürften wohl die Energiesicherheit und damit zusammenhängend der eigene Einfluss in der Region sein. Die USA sind DER Akteur hier und haben Militär in fast allen Ländern außer Iran und Syrien stationiert. Doch die beiden eben genannten Länder stehen in Konkurrenz zu den USA und ihren Machtansprüchen. So unterstützt der Iran radikal-islamische Organisationen wie die Hamas oder den Hisbollah. Erklärtes Ziel der USA ist deshalb der Regimewechsel im Iran. Eine iranische Atombombe würde die Macht der USA aber deutlich einschränken, die Energiesicherheit somit gefährden und wäre demnach ebenfalls inakzeptabel.
- Geopolitische Interessen anderer Länder: Neben den USA verfolgen auch noch weitere Länder eigene Interessen in der Region – und insbesondere im Iran. China und Russland versuchen ihren Einfluss zu vergrößern und China ist darüber hinaus abhängig vom iranischen Öl. Dies macht den Iran anfällig für Auswirkungen von anderen Konflikten. Nicht ohne Grund wurde nach dem Kaukasuskonflikt ängstlich nach den Auswirkungen auf den Streit um das iranische Atomprogramm gefragt. Eventuell könnte der Iran also in einen „Stellvertreterkrieg“ hineingezogen werden.
- Radikal-islamische Scharfmacher wie der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad könnten gezielt eine Verschärfung des Konfliktes betreiben, um vom eigenen Versagen abzulenken. Dem Iran geht es seit Amtsantritt von Ahmadinedschad wirtschaftlich zunehmend schlechter. Eine Kriegskonfrontation könnte die gespaltene iranische Gesellschaft hinter Ahmadinedschad vereinen.
- Das wichtigste Argument ganz zum Anfang: Der Iran kann frühestens in einigen Jahren eigene Atomwaffen entwickeln – manche Experten sprechen sogar von 15 Jahren. Der Grund: Dem Iran fehlt sowohl das Equipment, als auch das Know-How. Bisher war der Iran immer auf Lieferungen über Schwarzmarktkontakte angewiesen. Diese sind jedoch aufgeflogen und es dürfte für den Iran äußerst schwer werden, weitere Ausrüstung zu beschaffen. Zur eigenen Entwicklung fehlt es dem Iran an Wissen und Erfahrung. Der eigene Bau von Atomwaffen, inkl. Urananreicherung, ist äußerst kompliziert. Und wenn man sich die Erfolge der Iraner im Bereich der Urananreicherung anschaut, dann weiß man, dass sie noch relativ lange brauchen werden. (Weiteres zu diesem Punkt wissen wir hoffentlich ab morgen aus dem IAEO-Bericht)
- Der erste Punkt setzte bereits voraus, dass der Iran die Absicht hat, eigene Atomwaffen zu besitzen. Das ist eigentlich sachlich nicht exakt. Denn bisher gibt es keine Beweise von der IAEO oder Geheimdiensten, die die Existenz eines Atomwaffenprogramms aufdecken würden. Wir können also im Moment nur vermuten, dass es ein iranisches Atomwaffenprogramm gibt. Aber meine Einschätzung ist, dass es nach dem desaströsen Irakkrieg für die USA schwieriger geworden sein dürfte, einen neuen Krieg ohne fundierte Beweise über die Existenz von Massenvernichtungswaffen (und dazu gehören natürlich auch Atomwaffen) zu beginnen.
- Ein Krieg gegen den Iran würde einen Flächenbrand auslösen. Sollte es zu einem Krieg kommen, würde sich dieser vermutlich nicht auf den Iran beschränken. Der Iran pflegt enge Beziehungen zu radikal-islamischen Organisationen und/oder terroristischen Organisationen in anderen Ländern. Man kann davon ausgehen, dass dieser Krieg auf den Libanon, den Irak, die Palästinensergebiete und damit auch auf Israel überschappen würde. Dieser Punkt entschärft gleichzeitig die ersten beiden Pro-Argumente. Denn ein Flächenbrand in der Region würde die Existenz Israels massiv in Frage stellen und Macht und Einfluss, sowie die Energiesicherheit der USA gravierend gefährden.
- Im Kriegsfall müssten die USA/Israel/EU-Staaten (je nach Konstellation) auch Bodentruppen einsetzen. Die iranischen Atomanlagen befinden sich größtenteils unterirdisch und die genauen Standorte sind bisweilen den westlichen Geheimdiensten nicht bekannt. Dies spricht gegen einen reinen Krieg mit Luftangriffen. Bodentruppen sind jedoch immer schwer politisch durchzusetzen.
- Vielleicht erübrigt sich das Ziel der USA, einen Regimewechsel im Iran einzuleiten, im kommenden Frühjahr. Dann sind wieder Präsidentschaftswahlen im Iran und Ahmadinedschad könnte durch einen Reformer ersetzt werden. Zugegeben, dies ist relativ unwahrscheinlich. Wenn man sich die momentane Situation im Iran ansieht, so gibt es zwar großen Unmut in der iranischen Bevölkerung über den unerfolgreichen Ahmadinedschad. Doch wird es vermutlich so sein, dass viele Reformer durch den Wächterrat an einer eigenen Kandidatur gehindert werden. So hat Ahmadinedschad im Moment relativ große Chancen, wiedergewählt zu werden.
- Was passiert nach der Zerstörung der iranischen Atomanlagen? Diese Frage ist interessant, wird doch die Unsinnigkeit eines militärischen Engagements bei der Beantwortung am offensichtlichsten. Denn die Antwort ist: Der Iran würde vermutlich weiterhin nach einer Atombombe streben (sofern er das denn nun überhaupt tut). Denn durch einen Krieg würde man auch den letzten Zweiflern im Iran den Beweis liefern, dass eine eigene Atomwaffe zum Schutz notwendig ist. Schließlich ist der Iran durch amerikanische Militärbasen umgeben und hat mit Russland, Pakistan und Israel drei Atommächte in der Nachbarschaft. Man hätte durch eine militärische Intervention also nur die Symptome bekämpft und nicht die Ursache. Man hätte Zeit gewonnen, dass Problem aber nicht gelöst – vermutlich durch die Instabilisierung der gesamten Region sogar noch verschärft.
Entry Filed under: Situationsbeschreibung. Schlagworte: Atomwaffen, China, Diplomatie, Frieden, Internationale Politik, Iran, Israel, Krieg, Naher Osten, Politik, Russland, USA.
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